Es ist Silvester – 18 Monate nach der Corona Krise und dem Börsencrash.

Die Gäste haben gut gespeist und warten freudig auf den geselligen Rest des Abends, es wird nicht mehr „gesoffen“, man sitzt gemütlich zusammen bei einem Glas Wein und unterhält sich. Im Hintergrund spielt angenehme Musik und einige Paare tanzen.

„Was haben wir in den letzten Jahren alles durchgemacht“, sagt ein Gast in die Runde, ohne wirklich auf eine Antwort zu warten. Alle wissen wie hart es gewesen war und wie sehr sich die Welt verändert hat.

Seit der große Börsencrash dem Konsumrausch ein Ende gemacht hat, hat sich vieles beruhigt. Die Banken und Anleger sind vorsichtiger geworden, Regierungen haben effiziente Maßnahmen gesetzt, um den Finanzmarkt besser zu regulieren und der Mensch ist einfach gesagt, „zufriedener geworden“. Die Sucht nach „GRÖSSER – SCHNELLER – WEITER“ kommt jetzt im Nachhinein vielen wie eine Illusion vor, die ohnehin nie aufrechterhalten werden konnte. Die Luftschlösser mussten zwangsläufig platzen. „Die Zeichen waren ja da“, hört man oft jemanden sagen, aber hinterher sind immer alle klüger.

Ganzheitliches Bewusstsein

Diese Gäste, die nun an jenem schönen Abend versammelt sind, haben es sich geleistet in den Urlaub zu fahren. Nicht jeder kann es sich heutzutage noch leisten, die eigenen vier Wände zu verlassen, um in die Berge zu fahren. Wer es sich gönnt, der sucht Qualität und echte Erholung. Die Menschen die Urlaub machen, kommen im Bewusstsein, dass sie hier eine wahre Auszeit vom hektischen Alltag der Städte finden werden. Sie haben sich diese Auszeit „verdient“ wie man so schön sagt und sie bekommen sie auch.

Fernreisen sind rarer geworden. Die Menschen haben sich wieder mehr auf ihre Heimat als Reiseziel besonnen. Durch die Krise ist die Gesellschaft auch zu einem Umdenken gekommen, was Gesundheit angeht. Die Gesundheitskassen haben sich ganzheitlicher Gesundheitsvorsorge geöffnet, welche den Menschen im Gesamten in seinem Umfeld anerkennt.

So wurden zum Beispiel Arbeitszeitmodelle flexibler gestaltet und die Städte durch die Einbindung von mehr Natur lebenswerter gemacht. In der Medizin wird mehr auf Vorsorge und ganzheitliche Behandlungen gesetzt. Es wurde eine Abkehr von symptomatischen Behandlungsmethoden eingeleitet.
Yoga, Fitness und Achtsamkeitspraktiken sind zum Standardrepertoire des Gesundheitswesens geworden.
Zu all diesen Maßnahmen passt der neue „bewusste“ Tourismus natürlich sehr gut. Er hat seinen neuen Platz in dem Bewusstsein der Menschen gefunden. Wer wahre Erholung sucht, der kann sie bei uns finden.

Strukturelle Veränderungen

Es hat sich viel getan in den letzten Jahren. Der Tourismus in den Alpenregionen hatte unter der Krise schwer gelitten. Die Zeiten des Massentourismus sind vorbei und viele Betriebe hatten den Wechsel nicht überlebt da, sie nicht in der Lage waren, sich durch diese Veränderungen mitzubewegen. Große Bettenburgen wurden vielerorts in Wohnungen und Mitarbeiterhäuser umgewandelt.

Der Bedarf an Mitarbeiterhäusern war ohnehin gesunken. Durch die Veränderungen in der Branche und der damit einhergehenden Verbesserung der Arbeitsbedingungen sind viele Einheimische wieder zurück in die Hotellerie und Gästebetreuung gegangen.
Ja, der Tourismus hat sich verändert… Der Gast hat sich verändert und die Betriebe haben sich verändert.

Was damals des Unternehmers höchstes Gut war, nämlich: Volle Bettenauslastung bei höchster Rendite, hat sich nun zu einer Ideologie von „Qualität statt Quantität“ verwandelt.
Den Unternehmern ist klar geworden, dass das bloße bereitstellen von Betten, Verpflegung und Wellnessanlagen nicht mehr ausreichen würde, um den Gast von heute zu bedienen.

Der Auftrag des Tourismus

Was der eigentliche Auftrag eines Hoteliers an die Gesellschaft ist, wurde letztendlich wiedererkannt. Den Menschen Erholung zu bieten. Das ist und war immer der Grund, warum die Menschen zu uns in den Urlaub kommen.

Heute plant man einen Urlaub nicht mehr um die Attraktionen und Beschäftigungen herum, sondern nach dem größten Erholungswert. Von den Skihütten mit lauter Musik gibt es fast keine mehr und sogar die Liftpreise sind günstiger geworden.
Man geht gepflegt Schifahren, entspannt sich hinterher mit etwas Yoga oder einer Massage und lässt den Abend bei einem gemütlichen Mahl ausklingen. Klingt ähnlich wie bisher, nur mit dem feinen Unterschied, dass es nun bewusst getan wird.

Die Hotels haben sich auf die neuen Bedürfnisse angepasst. Sie haben angefangen den Gästen individualisierte Pakete anzubieten, um jedem Menschen den besten Erholungswert zukommen zu lassen.

Dem Menschen so viel wie möglich erleichtern, um so schnell wie möglich in die Erholung einzutauchen, ist heute die Devise. Viele Hotels haben angefangen aktiv mit Erholungssuchenden zu arbeiten. Sie erstellen Ernährungspläne, Programme zur Stressverarbeitung und halten Meditations-Workshops. Sie vermitteln den Gästen wertvolle Werkzeuge, auf die sie in ihrem täglichen Arbeitsleben zurückgreifen können.

Man hat mehr Zeit für den Einzelnen, denn es wurde erkannt, dass jeder Mensch anders Entspannung sucht und findet. Manchen genügt es, mit einem Buch am Pool zu liegen, andere brauchen wiederum mehr Aktivität. Es wird auf jeden Menschen eingegangen und seine persönlichen Bedürfnisse berücksichtigt. Darauf aufbauend wird der Urlaub geplant.

Ein neuer Gast?

Auch der Gast ist anders geworden. Die Hetzjagten auf den Bewertungsportalen haben ein Ende gefunden. Mehr noch, die Menschen haben wieder angefangen den persönlichen Kontakt zu den Hotels zu suchen.

Ihre Erwartungen haben sich wieder normalisiert und die Hoteliers sind durch den bewussteren Umgang mit allen Beteiligten, besser in der Lage diese Erwartungen zu erfüllen. Es wurde generell ruhiger in den Betrieben. Die Mitarbeiter sind froh in der Dienstleistungsbranche tätig zu sein. Sie freuen sich die Ergebnisse ihrer Arbeit zu sehen, wenn ein Gast als neuer Mensch wieder abreist.

Auch die Mitarbeiter haben wieder Sinn gefunden in ihrer Beschäftigung. Sie wurden dadurch, dass die Unternehmer ihnen mehr Vertrauen und Aufmerksamkeit schenken, zu „Miteigentümern“ der Betriebe. Sie sehen sich als Teil des Ganzen und erkennen darin ihre Rolle und den Sinn für ihre Beschäftigung.

Im Grunde wurde durch die Krise vieles besser. Man hat sich wieder besonnen und eine gewisse Vernunft ist in den Tourismus zurückgekehrt. Die Menschen kommen immer noch gerne zu uns und wenn sie abreisen, sind sie zufriedener und glücklicher.

Text von Martin Büchele. Sie erreichen den Autor unter: m.buechele@neustark.at